Starr vor Angst: So besiegst du Angst beim Reiten

Angst beim Reiten hält dich vom Spaß am Training mit deinem Pferd ab? Hat ein Sturz oder einfach das Älterwerden dein Selbsbewusstsein im Sattel gedämpft?

Fakt ist, du bist nicht allein mit deiner Angst beim Reiten. Ehrlicherweise sagt jedem Nicht-Pferdemenschen der praktische Hausverstand, dass Reiten eine gefährliche Angelegenheit ist. Sogar für die manchmal etwas praxisfremde Justitia ist die „furchtsame und leicht erregbare Natur von Pferden als Lauf- und Fluchttiere, die oft schon bei geringfügigen Anlässen panikartige Fluchtreaktionen zeigen“, gerichtsbekannt (Oberster Gerichtshof, 6Ob519/91).

Was ist der Unterschied zwischen Furcht und Angst beim Reiten?

Wir fürchten uns in konkret gefährlichen Situationen. Wenn du z.B. über die Straße gehst und ein Auto rast auf dich zu, dann empfindest du Furcht und flüchtest ohne Nachdenken so schnell wie möglich. Die Furcht ist eine überlebenwichtige Funktion des Menschen und objektiv begründet.

Bei der Angst hingegen verpüren wir ein ungutes Gefühl der Anpsannung bei dem Gedanken an eine Bedrohung in der Zukunft. So empfindest du beispielsweise Angst, am Tag vor einer Prüfung, obwohl du in keiner akuten Bedrohungslage bist. Dabei malst du dir dann eine Bedrohung aus, die auf dich zukommen oder vor dir liegen könnte. Auch die Angst erfüllt eine wichige Funktion für das Überleben des Menschen. Sie hat die Aufgabe, dass du dich bestmöglich auf zukünftige Situationen vorbereiten kannst.

Während die Furcht hingegen eher objektiv beurteilt werden kann, ist die Angst höchst subjektiv. Der Umstand, dass ein Auto heranrast, löst bei jast jedem Menschen Furcht aus. Bei den Ängsten hingegen kommt es jedoch sehr auf die individuelle Hemmschwelle an. Manch einer empfindet trotz mangelnder Vorbereitung überhaupt keinen Prüfungsstress, wohingegen ein anderer trotz monatelagem intensivem Lernen in der Nacht vor der Prüfung kein Auge zubekommt.

Welche Auswirkungen hat das beim Reiten?

Auch wenn es ein wenig nach Detailreiterei klingt, ist die Unterscheidung zwischen Furcht und Angst auch beim Reiten wichtig. Je nach dem welche Überlebensstrategie im Konkreten vorliegt, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen.

Wenn dein Pferd beispielsweise im Gelände im Galopp durchgeht, dann befindst du dich in einer Furcht-Situation mit konkreter Gefahr. In diesem Fall bringt es nichts dir zu raten, mit Atemübungen deine innere Mitte zu finden. Das funktioniert nicht! Hier ist nämlich eine rasche und konkrete Handlung angesagt und ALLES was zum Erfolg führt und das Pferd bremst ist legitim.

Umgekehrt ist es bei Angstgefühlen vor dem Aufsteigen auf ein braves Pferd eine gute Möglichkeit, erst einmal mit einigen beherzten tiefen Atemzügen für die notwendige eigene Ruhe zu sorgen.

Wie kann ich Furcht-Situationen meistern?

Das Pferd als Fluchttier hat drei Verhaltensweisen, die den Reiter in Bedrängnis bringen können.

  • Das Pferd geht durch
  • Das Pferd bockt
  • Das Pferd steigt

Alle drei Varianten sind natürliche Verhaltensweisen des Pferdes, die seinem eigenen Überleben dienen. Bei Gefahr und Fluchtmöglichkeit, wird dein Pferd flüchen. Wenn es keine Fluchtmöglichkeit hat, wird es entweder steigen oder bocken, um sich zu verteidigen. Du kannst dein Pferd durch reiterliche Ausbildung in einem gewissen Rahmen erziehen, sodass es diese Verhaltensweise im Normalfall nicht zeigt. Aber in (für das Pferd) Extremsituationen, wird es IMMER auf diese drei angeborenen Verhaltensweisen zurückgreifen.

Das blöde an Furcht-Situationen ist meist, dass sie relativ rasch kommen und du als Reiter dann mit der Situation überfordert bist. Ebenso blöd ist, dass wir Reiter diese Situationen nicht völlig vermeiden können. Sie passieren einfach und sind Teil des Reitens.

Um Furch-Situationen gut zu überstehen und möglichst richitg reagieren zu können, ist der Sitz des Reiters das Wesentliche. Denn nur ein stabiler Sitz gibt dir überhaupt die Möglichkeit richtig auf dein Pferd einwirken zu können.

Was macht das Pferd in Furcht-Situationen?

Wenn dein Pferd durchgeht, verwendet es hauptsächlich die obere Muskelkette. Das bedeutet, Kopf und Hals werden hoch getragen, der Rücken ist nach unten durchgedrückt. Ebenso beschleunigt das Pferd sehr schnell, was wiederum den unvorbereiteten aufrecht sitzenden Reiter hinter die Bewegung bringt. Um nun aufgrund der Beschleunigung nicht nach hinten zu fallen, muss du dich als Reiter zwangsweise am Zügel festhalten. Nachdem das Pferd die obere Muskelkette verwendet, geht es wiederum automatisch gegen bzw. über den Zügel. Aus diesem Grund funktionieren auch die Zügelhilfen zur Verlangsamung des Tempos nicht.

Beim Bocken verwendet es hauptsächlich die untere Muskelkette. Dabei nimmt es zuerst Kopf und Hals tief und die Nase zeigt brustwärts. Gleichzeitig hebt dein Pferd den Widerrist an. Durch das Tiefnehmen des Kopfes und das Heben des Widerristes zieht dich das Pferd über die Zügel aus dem Sattel und du verlierst dein Gleichgewicht nach vorne. Sobald du dann wieder im Sattel bist, katapultieren dich die nach hinten ausschlagenden Hinterbeine wieder nach vorne. Das Spiel geht so lange weiter, bis du seitlich nach vorne vom Pferd fällst.

Bevor dein Pferd steigt, rammt es die Vorderbeine in den Boden, wobei Hals und Kopf hoch getragen werden. Dadurch senkt sich zunächst der Widerrist und die Hinterbeine können weiter unter den Schwerpunkt treten. Durch das Senken des Widerists und das Untertreten der Hinterbeine fällt der Oberkörper des Reiters nach vorne. Anschließend katapultiert die Schultermuskulatur den Burstkorb des Pferdes in die Höhe. Dies führt wiederum dazu, dass du die Tendenz hast, nach hinten zu kippen und dich an den Zügeln festzuhalten. Ein Festhalten an den Zügeln wiederum kann dazu führen, dass dein Pferd sein Gleichgewicht nach hinten verliert und nach rückwärts umfällt und schlimmstenfalls auf dir landet.

Wie muss ich in Furcht-Situationen sitzen?

Im effektiven leichten Sitz. Dieser Sitz ist für unregulierte und schnelle Bewegungen des Pferdes gemacht.

Welche Nachteile hat der Vollsitz in solchen Situationen?

Wenn das Pferd durchgeht, dann verwendet es die obere Muskelkette und verspannt den Rücken nach unten. Dadurch kannst du als Reiter nicht mehr gut sitzen. Daraus folgt wiederum, dass du aus der Balance kommst und deine Einwirkungen hektisch und unreguliert werden. Dies produziert wiederum mehr Stress beim Pferd und der Teufelskreisl ist perfekt. Beim Buckeln wechselt dein Pferd sehr dynamisch seine Bewegungen. Wenn du im aufrechten Vollsitz oben sitzt, dann befindet sich dein Hintern  genau an der Stelle, an der die meisten Bewegungen erzeugt werden. Daduch gerätst du sehr schnell aus der Balance und die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes steigt.

Die größte Gefahr beim Steigen besteht darin, dass du versuchts über die Zügel dein Gleichgewicht zu halten. Daher gilt die alte Reiterweisheit: Steiger muss man umarmen! Dadurch wird zumindst das Pferd in seinem Gleichgewicht nicht beeinträchtigt und die Wahrscheinlichkeit eines Nachhintenfallens wird reduziert. Im aufrechten Vollsitz funktioniert oftmals die Umschaltung nicht schnell genug, sodass du dich aus Reflex an den Zügeln festhältst.

Welche Vorteile hat der effektive leichte Sitz?

Beim Durchgehen ist das Pferd typischerweise in einer hohen Geschwindigkeit unterwegs. Durch den effektiven leichten Sitz kannst du dynamisch dein Pferd in dieser schnellen Bewegung begleiten, weil ein Gesäß nicht im Sattel ist, sondern nur am Sattel. Stell dir vor, ein Jockey würde aufrecht auf seinem Pferd sitzen… Es hat einen Grund, weshalb diese Reiter in einer Kauerstellung auf ihren Pferden sitzen. Ohne diese Haltung wäre es ihnen nämlich nicht möglich, im Gleichgewicht mit ihrem Pferd zu bleiben.

Sobald das Pferd buckelt, wird es sehr dynamisch. Deine Beckenbeweglichkeit ist allerdings nicht für derartig viel Spielraum ausgelegt. Durch den effektiven leichten Sitz werden die Buckelbewegungen des Pfedes großteils über die großen Gelenke der Beine (Sprunggelenk, Kniegelenk, Hüfte) aufgefangen. Diese Gelenke sind für derartige große Bewegungen ausgelegt. Dadurch wird ein gleichgewicht weniger beeinträchtigt und du kannst jedenfalls ein paar Übermutsbuckler deines Pferdes unbeschadet überstehen.

Wenn das Pferd steigt, befindest du dich durch den effektiven leichten Sitz in der besten Position. In diesem Sitz sind nämlich automatisch deine Hände weiter vorne und das Umarmen des Pferdes geschicht fast reflexartig. Ebenso brauchst du aufgrund der festen Bügelstütze keinen Zügel, um dein eigenes Gleichgewicht zu halten.

Ich kann dir daher nur empfehlen dich wirklcih mit dem effektiven leichten Sitz auseinander zu setzen und diesen auch zu üben, um in brenzligen Situationen, die einfach unvermeidbar sind, deine eigene Sicherheit zu erhöhen. Das Üben gehört dazu. In schwierigen Situationen verfällst du nämlich allzu leicht in deine üblichen Verhaltensmuster.

Was mache ich bei Angst beim Reiten?

Reden mit anderen Menschen

Angst beim Reiten ist wie bereits gesagt, ein wichtiger Indikator für die Sicherheit des Menschen. Aufgrund der individuellen Komponente, besteht allerdings die Gefahr, dass du dein eigenes Drama Größer machst als es ist.  Es ist deshalb unbeding erforderlich, dass du mit so vielen Menschen wie möglch über dein Problem sprichst. Dadurch erhältst du wertvolle Informationen darüber, ob es sich um ein individuelles Probelm von dir handelt, oder ob es auch objketiv betrachtet ein Problem ist.

Wenn du beispielsweise in einem Springstall stehtst, dann ist ein flotteres Temop des Pferdes noch kein Durchgehen, sondern normal. Wenn du allerdings in einem Stall mit akademischer Reitkunst und Bodenarbeit untergebracht bist, dann ist jeder schnellere Schritt des Pferdes schon ein unkotrolliertes Durchgehen mit Lebensgefahr. Umgekehrt werden viele Nicht-Reiter Verständnis dafür haben, wenn dir im Galopp Angst und Bang wird. Andererseits wird es auch Nicht-Reiter geben, die darin kein Problem sehen. Rede also mit möglichst vielen unterschiedlichen Personen über dein Problem, damit du herausfinden kannst, ob es nur dein Problem ist oder ob andere Menschen das ähnlich beurteilen.

Überwindungsstrategien lernen

Bislang wurde noch keine legale magische Pille entwickelt, die dich von jetzt auf gleich von deiner Angst beim Reiten befreien kann. Deshalb bleibt dir nur der langsame und mühsame Weg, um deine Angst beim Reiten Stück für Stück in kleinen Schritten zu überwinden. Wesentlich ist dabei, dass du diese Strategien zuerst im ruhigen Alltag lernst und nicht erst in deiner persönlichen Gefahrensituation beim Pferd.

Tief Atmen zur Entspannung

Durch tiefe rhythmische Atemzüge beruhigst und zentrierst du dich. Dabei atmest du langsam und tief in den Bauch hinein und dieser bewegt sich ryhtmisch. In Angstsituationen hälts du nämlich unbewusst den Atem an oder atmest oberflächlich nur in den Brustbereich.

Der erste Schritt

besteht darin, dieses tiefe Atmen zunächst in Ruhe lernen und so oft wie möglich in deinen Alltag integrieren: Im Büro, beim Essen, im Auto, beim Fernsehen. Anschließend versuchst du immer auf diese Weise zu atmen, wenn du wütend bist, dich aufregst oder dich etwas überrascht. Versuche dir praktisch dieses tiefe Atmen bei positiven oder negativen Überraschungen zur Gewohnheit zu machen.

Der nächste Schritt

​Wenn du dieses tiefe Atmen einigermaßen sicher in Stresssituationen im Alltag abrufen kannst, macht es Sinn, das Ganze beim Reiten anzuwenden. Dabei übst du das tiefe Atmen zuerst im Halten und steigerst dich dann langsam zu Schritt, Trag und Galopp. Wenn du merkst, dass das tiefe Atmen nicht mehr funktioniert, bist du zu schnell vorgegangen. In diesem Fall hilft nur zurück an den Start und wieder in Ruhe in deiner Komfortzone anfangen. Das ist jener Bereich, in dem das Atmen gut funktioniert hat.

​Die schrittweise Angstüberwindung mit tiefem Atmen setzt allerdings ein relativ braves Pferd voraus, das weder unkontrolliert davon stürmt, steigt oder bockt. Das tiefe Atmen entspannt nicht nur den Kopf, sondern auch die Muskulatur des Reiters. Dies ist in Gefahrensituationen insofern problematisch, als die Umschaltung zwischen Entspannung und aktivem Handeln meist nicht schnell genug erfolgen kann. Natürlich kann sich die Entspannung des Reiters auf das Pferd übertragen und dadurch möglicherweise vermieden werden, dass das Pferd überhaupt diese Unarten zeigt. 

Allerdings funktioniert diese Übertragung der Entspannug des Reiters auf das Pferd nicht immer zu 100%. Ein klassisches Beispiel hierfür ist der gemütliche Schrittausritt, bei dem sich das Pferd plötzlich erschreckt. In diesen Fällen ist der Reiter meist völlig entspannt und das Pferd meist auch. Trotz der gegenseitigen Entspannungsübertragung kann nie vermieden werden, dass das Pferd von irgendetwas erschreckt wird.

Rumpfmuskulatur anspannen für Kraft und Stärke

Wesenetliche Voraussetzung für das Reiten ist eine gute Stabilität im Rumpf und Balance. Wenn diese beiden Bedingungen nicht vorliegen, fühlst du dich als Reiter im Sattel automatisch unsicher und hast Angst beim Reiten. Durch die Stärkung deiner Rumpfmuskulatur erhöht sich daher zwangsläufig dein Stabilitätsgefühl und du verspürst weniger Angst.

Die Rumpfmuskulatur 

spannst du an, in dem du „grrrrrr“ machst oder hustest. Dabei fühlst du, wie dein Oberkörper fest wird. Die Kunst ist nun, diesen Zustand zu halten und dabei noch zu atmen. Auch hier gilt wieder, dass du diese Rumpfmuskeln erst im Alltag trainieren musst, und zwar bei jeder Gelegenheit.

Erst wenn das ganze im Alltag gut klappt und du das Gefühl für längere Zeit halten kannst, macht es Sinn, das Ganze auf dem Pferd umzusetzen. Aufgrund der dynamischen Bewegungen des Pferdes ist es nämlich hier am Anfang sehr viel anstrengender. Ebenso steigt die Schwierigkeit mit der Gangart des Pferdes an.

Nachdem sich auf das Pferd die Entspannung übertragen kann, kann sich natürlich auch deine vermehrte Rumpfspannung auf das Pferd übertragen. Das Pferd merkt, die Kraft und die Stärke des Reiters. Das bedeutet jedoch auch, dass du als Reiter dann die Führung übernehmen und dein Pferd aktiv reiten muss. Für Reiter, die es nicht gewohnt sind, auf einem aktiven Pferd zu sitzen, kann sich dies daher etwas ungewohnt anfühlen. In diesem Fall hilft nur, die Dauer schrittweise zu erhöhen und durch viele Pausen mit bewusster Entspannung zu unterbrechen.

Darüber hinaus erhöhten eine gute Rumpspannung und allgemeine Fitness des Reiters die Wahrscheinlichkeit, dass Stürze glimpflicher verlaufen.

Positive Selbstgespräche und Visualisierung

Dabei ersetzt du deine negativen Selbstgespräche und Horror-Bilder durch positive Gedanken und Erfolgsbilder. So wird aus  deiner Unsicherheit schrittweise Selbstbewusstsein. Das Ganze hat nichts mit Esotherik zu tun, sondern wird von sämtliche Profisportlern regelmäßig verwendet. Wenn du deinen Erfolg nämlich nicht sehen kannst, dann wirst du deine Aufgabe auch nicht schaffen.

Für die positiven Gespräche

​musst du dir zunächst bewusst werden, welche negativen Gespräche du mit dir selbst führst. Meistens klingen sie so: „Ich kann das nicht“ „Ich habe Angst beim Reiten“ „Ich werde stürzen und mich verletzen“ usw. Immer wenn dir solche Gedanken kommen, musst du diese Konsequent unterbinden und diese durch neue ersetzen.

Die Botschaften müssen dabei mit „Ich“ (oder mit Pferd „wir“) beginnen. Ebenfalls müssen sie positiv forumuliert sein, also „Ich bin stark“ und nicht „Ich werde NICHT herunterfallen“. Zudem sollen sie in der Gegenwartsform gesprochen werden („Ich weiß, was ich tun muss“ und nicht „gestern habe ich es gut gemacht“ oder „ich werde es gut machen“). Aber vor allem müssen deine Botschaften wahr sein („Ich bin gut vorbereitet“ und nicht „Ich bin der mutigste Reiter der Welt“)

Für das Vorstellen von positiven Bildern 

brauchst du mindstens 10 Minuten ungestörte Zeit. Dabei setzt du dich entspannt aufrecht auf einen Stuhl oder legst dich flach auf den Rücken. Versuche dir vorzustellen, wie sich ein sanfter ruhiger Schrittrhytmus in deinem Becken anfühlt. Wenn du das Gefühl hast, wirst du merken, dass sich verschiedene Körperteile bewegen. Diese Bewegungen sind allerdings so minimal, dass sie von außen gar nicht wahrnehmbar sind. Anschließend stellst du dir um dich herum ein schönes ruhiges Ausreitgelände vor. Ab nun sind deiner Vorstellung keine Grenzen mehr gesetzt. Stell dir vor wie mutig und wild du dein Pferd im Gelände galoppierst oder wie sich die perfekte Galopppirouette auf der Wiese anfühlt. Wie die Blätter im Wind rascheln, wie die Sonne warm auf dich strahlt, wie frisch die Luft riecht und du den den Atem deines Pferdes hörst. Fühle die Freude, die Konzentration, die Kraft. Anschließend kehrst du langsam zurück.

Idealerweise solltest du dir diese Bilder morgens und abends vorstellen. Nach einiger Zeit und häufigem Training kannst du die Bilder dann direkt beim Reiten einspielen und so Angst durch Selbstbewusstsein und Freude ersetzen.

Kleine Aufgaben für die praktische Umsetzung

Völlig unabhängig welches Ziel du erreichen willst, der Weg dahin lässt sich in unendlich viele kleine Einzelschritte zerlegen. Wesentlich ist, dass du dir zunächst klar wirst, was deine Panikzone, deine Lernzone und deine Komfortzone ist. In der Panikzone hast du nämlich so viel Angst beim Reiten, dass du keinen Fortschritt machst. Umgekehrt ​fehlt es in der Komfortzone ​​an der notwendigen Herausforderung für einen Lernerfolg. 

Sobald du dir über deinen unterschiedlichen Zonen Klarheit verschafft hast, suchst du dir den kleinsten gemeinsamen Nenner aus deiner Komfortzone und deiner Lernzone. Das ist dann deine selbstgewählte Aufgabe.

Komfortzone:    Was ist für mich noch völlig ok und normal?

Panikzone:          Was löst absolute Panik nur bei dem Gedanken daran aus?

Lernzone:            Wobei hast du ein mulmiges Gefühl, wenn du daran denkst?

Aufgabe:             Wozu könntest du dich überwinden?

​Nach meiner ersten und einzigen Spring​​​​stunde mit einem Reitlehrer war es bei mir ungefähr so:

Was ist für mich noch ​ok? 


Schritt, Trab und normaler Galopp, Cavaletti-Springen

Was löst absolute Panik aus? 


 ​Hindernisse springen ​aus vollem Galopp-Tempo

Wobei ​habe ich ​ein mulmiges Gefühl?


Springen über Hindernis​se, generell volles Galopptempo

Wozu könnte ich mich überwinden?


Springen ​Cavaletti ​Hindernisse nur ​aus dem Trab

​In den ersten Wochen mit meiner lieben Peskara, kurz nach dem Kauf, war die Lage dramatischer:

Was ist für mich noch ​ok? 


Putzen im Stall, betüdeln und lieb haben

Was löst absolute Panik aus? 


 ​Unkontrollierbare​​s Pferd ​ins Freie ohne Umzäunung führen

Wobei ​habe ich ​ein mulmiges Gefühl?


​Das Pferd bis zum nicht umzäunten Reitplatz ​führen

Wozu könnte ich mich überwinden?


​ 10 Meter vor die Stalltüre bis zum esten Baum ​gehen

Die Sache mit der Unterstützung durch einen Trainer...

Normalerweise ist es die Aufgabe deines Trainers bzw. Reitlehrers herauszufinden, wo deine Lernzone liegt. Üblicherweise haben allerdings gerade junge Trainer oftmals selbst zu hohe Ansprüche und überfordern dadurch ihre Schüler, was zu mehr Angst beim Reiten führt. Umgekehrt wirst du dich selbst bedauerlicherweise mehr an deiner Komfortzone orientieren, als an deiner Lernzone. Das führt dann dazu, dass du die Aufgaben zu gering dosierst und dadurch mehr Zeit brauchst um ​deine Angst beim Reiten zu überwinden. 

Wichtig bei der praktischen Umsetzung ist, dass du dir fixe optische Punkte suchst bzw. konkrete Aufgaben. Also beispielsweise du gehst mit angespanntem Rumpf bis zu diesem konkreten Baum. Oder: Du reitest von einer Ecke in die nächste im effektiven leichten Sitz oder machst Sitzübungen usw.

Dadurch siehst du dein Ziel und bist konzentrierter und kannst deinen Erfolg für dich selbst objektiv wahrnehmen.

Warum helfen Sitzübungen?

Durch Sitzübungen zwingst du dich selbst dazu, proaktiv zu bleiben und dich nicht auf deine Angst beim Reiten zu konzentrieren. Es hat einen Grund, warum man Anfänger an der Longe Sitzübungen machen lässt. Dadurch verlieren sie nämlich schneller ihre Hemmungen und schulen gleichzeitige ihre Balance.

Solange das Pferd halbwegs verlässlich ist, sind Sitzübungen zuerst im Schritt, Trab und dann auch Galopp eine hervorragende Möglichkeit. Die Sitzübungen sollten beide Körperhälften abwechselnd beanspruchen. Sie müssen am Anfang oder bei einem schreckhaften Pferd auch nicht in großen Bewegungen ausgeführt werden.

 Z.B. hilft es oftmals schon, abwechselnd bewusst die Zehenspitzen nach oben bewegen. Sogar solche kleinen Bewegungen helfen schon dabei, damit du dich auf etwas anderes konzentrierst und dadurch die Angst beim Reiten nachlässt. Nachdem der effektive leichte Sitz für dynamische Bewegungen geignet ist und aufgrund der Kauerhaltung der natürlichen Schutzhaltung des Menschen ähnelt, ist er gerade für ängstliche Reiter oder Reitanfänger sehr gut geeignet.

Das Pferd in jedem Moment reiten

Reite dein Pferd mit einer klaren Anweisung, wenn sein Verhalten Angst beim Reiten in dir auslöst.

Wenn du die Aufmerksamkeit deines Pferdes auf dich und auf eine Aufgabe lenken kannst, dann ist es zu beschäftigt, um Blödheiten anzustellen. Dadurch verringerst sich auch deine Angst beim Reiten.

Objektiv betrachtet ist es geschickter das Pferd durch verbindliche Anweisungen und Aufgaben und nicht durch streicheln und gut zureden zu beruhigen. Das Streicheln könnte das Pferd nämlich als Lob für sein schreckhaftes Verhalten werden. Allerdings setzt dies einen Reiter voraus, der wirklich gewillt ist, verbindliche Anweisungen zu geben. Ebenso heizen sich manche Pferde noch mehr auf, wenn man sie mit unliebsamen Übungen beschäftigen will. Es kommt daher immer auf die individuelle Konstellation von Reiter und Pferd an, ob diese Methode empfehlenswert ist.

Die einfachste Übung

um ein schreckhaftes Pferd, das über dem Zügel geht, abzulenken, ist eine seitliche Biegung des Halses. Dabei wird zunächst der Hals für einige Tritte nach rechts gebogen. Anschließend wird das Pferd für einen Schritt geradeaus gestellt. Danach erfolgt für einige Tritte eine Biegung nach links. 

Diese Übung wird so lange wiederholt bis sich das Pferd beruhigt und es gelobt werden kann. Dieses Umstellen darf nicht ruckartig ausgeführt werden, weil es sonst einfach nur mit den Zügeln riegeln ist.  Ebenso musst du aufpassen, dass dein Pferd sich nicht einrollt.

Wenn sich ein Pferd erschrickt oder starrt, reist es meist Kopf und Hals nach oben und die obere Muskelkette ist hauptsächlich aktiv. Durch eine seitliche Biegung des Halses kann die Anspannung in der oberen Muskelkette verringert werden und Kopf und Hals kommen in eine normale Position. 

Wenn du allerdings mit der Biegübung übertreibst, riegelst, oder sich das Pferd freiwillig nach unten einrollt, dann verwendet es vermehrt die untere Verspannung. Wenn es in dieser Positon langsamer wird, dann ist das das erwünschte Resultat. Wenn allerdings der Wechsel zwischen oberer und unterer Muskelkette zu schnell erfolgt, besteht die Gefahr, dass das Pferd zu buckeln beginnt.

Pferdewechsel vornehmen

Durch einen Pferdewechsel kann der Stressfaktor und damit auch die Angst beim Reiten minimiert werden. Vielleicht hast du dich mit deinem eigenen Pferd in eine Sackgasse manövriert, aus der du jetzt im Moment mit deinem Pferd nicht herauskommst.

In diesem Fall kann es sehr gut tun, einfach mal ein anderes Pferd zu reiten. Das muss auch nicht das perfekte Pferd sein – im Grunde taugt jedes halbwegs brave Schulpferd für diesen Zweck. Einfach mal ganz ungezwungen in einer Anfängergruppe mitreiten oder an die Longe hängen lassen und sich ungezwungen herumtragen lassen. Das wirkt oftmals Wunder, bringt die Freude zurück und meistens löst sich nach ein paar Fremdritten auch der Knoten mit deinem eigenen Pferd.

Professionelle Hilfe suchen

Gerade nach Stürzen mit schweren Verletzungen liegt oftmals ein psychologisches Trauma vor, welches professionell behandelt werden muss. In einem solchen Fall ist es jedenfalls besser durch professionelle Hilfe die Angst beim Reiten zu beheben als durch untaugliche Selbstversuche das Leiden zu verlängern.

Bodenarbeit

Bodenarbeit löst zwar nicht die Probleme im Sattel, aber manchmal ist es notwenig viele Schritte zurückzugehen und wieder bei Null zu beginnen. Durch die Bodenarbeit kannst du dein Pferd besser beobachten und langsam wieder Vertrauen aufbauen. Im besten Fall ist es dir möglich, dieses Vertrauen dann in den Sattel mitzunehmen. Allerdings solltes du nicht in den Fehler verfallen und das Reiten immer mehr aufschieben. Wenn du merkst, dass du bei der Bodenarbeit völliges Vertrauen in dein Pferd hast, dann bist du hier in deiner Komfortzone angekommen und musst den nächsten Schritt machen. Ansonsten wird sich deine Angst beim Reiten nicht verändern.

Das Pferd verkaufen

Auch wenn es nach Versagen klingt, aber manche Herausforderungen sind zu groß für dich. Sofern du irgendeine gemeinsame Beschäftigung mit deinem Pferd angstfrei ausführen kannst und du dich auch langfristig damit begnügen kannst nicht zu reiten, dann ist das ok. Aber wenn du gerne reiten würdest, aber das trotz aller Bemühungen mit deinem aktuellen Pferd nicht funktioniert, weil du Angst beim Reiten hast, dann ist es für dich und auch dein Pferd besser getrennte Wege zu gehen.

Zusammenfassung

Anstatt dich von deiner Angst beim Reiten beherrschen zu lassen, möchte ich, dass du sie Schritt für Schritt abbaust.

Es ist klar, dass das nicht einfach ist, aber andererseits ist das auch der einzige Weg um ein Stück vorwärts zu kommen und die Zeit mit deinem Pferd wieder angstfrei genießen zu können.

Also, befolge die obigen Tipps. Sie sind zwar teilweise unkonventionell, aber die Angst beim Reiten ist ein finsterer, ausgeklügelter Begleiter und daher hast du keine andere Wahl, als außerhalb der Box zu denken.

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